09.11.2017 - Hype um Ökologie

Manfred Url, Karl Wurm, Helmut Floegl und Hans-Christian Vallant - © Foto: RBSK/PECKA

Die Raiffeisen Bausparkasse diskutierte über Kosten, Qualität und Nachhaltigkeit im Wohnbau.

Leistbares Wohnen ist in Wahlkampfzeiten ein Topthema, aber auch nach den Wahlen bleibt die Herausforderung allgegenwärtig, unterstrich Generaldirektor Manfred Url beim jüngsten Business Breakfast der Raiffeisen Bausparkasse in der RBI-Sky Lounge. "Die Baukonjunktur läuft momentan sehr gut. Die Kreditnachfrage hat heuer vor allem im privaten Wohnbau sehr stark zugelegt. Es werden auch in Wien nach wie vor viele Wohnungen gebaut, aber immer noch zu wenige, um die extreme Nachfrage zu befriedigen", weiß Url. Insbesondere in den unteren Preissegmenten hinke das Angebot dem Bedarf hinterher.

In Österreich gibt es derzeit einen Rekordzuwachs an Haushalten, wie Karl Wurm, Sprecher der Vereinigung der gemeinnützigen Wohnbauträger, berichtet. Durch starken Zuzug und eine starke "Binnenwanderung" steigt die Zahl der Haushalte um über 40.000 pro Jahr. Entsprechend hoch ist auch der Wohnungsbedarf, hier gehen die Berechnungen sogar von 60.000 Wohnungen pro Jahr aus. Gleichzeitig werde noch ein Defizit von 7.000 Wohnungen aus der Vergangenheit "mitgeschleppt". "Der Druck in Richtung günstigen Wohnraum wird von Jahr zu Jahr stärker, daher ist es wichtig, dass wir die Kostensituation in den Griff bekommen", betont Wurm.
 

Steigende Baukosten

Mit der Finanzierung gebe es derzeit keine Probleme, allerdings bei den Grundstückspreisen und den Baukosten. Der Anstieg der Baukosten sei vor allem im Vorjahr so eklatant gewesen, dass die Wohnbauträger Probleme haben, Bauvorhaben zum garantierten Fixpreis zu realisieren.

Gründe für die gestiegenen Baukosten liegen in den höheren thermisch-energetischen Anforderungen, von der Dämmung bis zu Fenstern, Heizungs- und Lüftungssystemen. Der Anteil der thermischen Komponenten an den Gesamtbaukosten lag im Jahr 2000 bei 12 Prozent, im Jahr 2015 bei 29 Prozent. Auch der Anteil der Haustechnik ist von 13 auf 19 Prozent gestiegen.

"Da ist einiges aus dem Lot", analysiert Wurm. Über viele Jahre seien Standards, Normen und Richtlinien so aufgebaut worden, um eine möglichst hohe Qualität zu garantieren, aber nun sei Quantität gefragt. Wurm hält den generellen Qualitätshype für falsch: "Überall dieselbe hohe Qualität, das ist überholt. Wir brauchen Diversifikation - Wohnbauten, die einfach, effizient und günstig sind, und den qualitätsvollen Wohnbau."

Den Hype um Ökologie will Wurm ebenfalls einbremsen. So sei der Sprung vom Niedrigenergiehaus zum Passivhaus nicht nur im Bau, sondern auch in der Instandhaltung kostenintensiver. Der Effekt für die Umwelt, wenn 50.000 Neubauten statt als Niedrigenergiehaus als Passivhaus gebaut werden, sei dabei genauso hoch wie der Umstieg von 5.000 Ölheizungen auf Fernwärme. "Die kumulierten Kosten beim Neubaueffekt sind aber zehnmal so hoch", rechnet Wurm vor.

In der Vergangenheit konnten die gestiegenen Baukosten durch zunehmende Fertigteilbauweise, stärkere Verdichtung, kleinere Wohneinheiten und günstigere Finanzierungen kompensiert werden, aber der Experte sieht diese Entlastungseffekte "ausgereizt": "Die Förderungen werden deshalb auch in Zukunft einen wesentlichen Anteil daran haben, ob Wohnen leistbar ist oder nicht."

In den letzten Jahren sind die Kosten fürs Wohnen deutlich stärker gestiegen als die Einkommen. Helmut Floegl leitet das Zentrum für Bauen und Umwelt an der Donau-Universität Krems und appelliert, die Lebenszykluskosten stärker zu betrachten. Die Kombination aus Errichtungs- und Folgekosten werde von den Mietern und zukünftigen Wohnungseigentümern höchstens bei der Wahl des Heizsystems berücksichtigt und nachgefragt. Nicht nur Größe, Alter und Standort der Wohnhausanlage haben einen Einfluss auf die Folgekosten, sondern auch das Nutzerverhalten ist entscheidend, wie der Wissenschafter betont: "Das mangelnde Interesse und fehlende Bewusstsein der Nutzer kann aber durch aktive Hausbetreuer und Hausverwalter kompensiert werden."

Quelle: Raiffeisenzeitung;Text: Elisabeth Hell
Bild v.l.n.r.: Manfred Url, Karl Wurm, Helmut Floegl und Hans-Christian Vallant (Raiffeisen Bausparkasse).
© Foto: RBSK/PECKA